Kooperationsprojekt der Professur für Sport- und Gesundheitsdidaktik und der NBA
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Verletzungen der unteren Extremität zählen zu den häufigsten und folgenreichsten Gesundheitsproblemen im Basketball – insbesondere im Nachwuchsleistungssport. Aktuelle Studien zeigen, dass mehr als die Hälfte aller Verletzungen das Knie betreffen. Außerdem treten Überlastungsverletzungen am Knie doppelt so häufig auf wie akute traumatische Verletzungen, während am Sprunggelenk genau diese dominieren. Insgesamt weisen männliche Nachwuchsbasketballer eine hohe Inzidenz von Gelenk-, Muskel-, Sehnen- und Bandverletzungen der unteren Extremität auf. Gleichzeitig gilt: die Verletzungsentstehung – insbesondere bei Überlastungen – ist bislang nur unzureichend wissenschaftlich untersucht worden.
Genau an diesem Punkt setzt das neue, international angelegte Forschungsprojekt „Musculoskeletal Injury Profiling of Male Youth Basketball Players“ der Professur für Sport- und Gesundheitsdidaktik an, das in Kooperation mit der University of Wisconsin und der National Basketball Association (NBA) entstanden ist. Ziel des Projekts ist es, Verletzungsmechanismen im Nachwuchsbasketball erstmals ganzheitlich, detailliert und über verschiedene Altersstufen hinweg zu untersuchen. Im Fokus stehen dabei nicht nur Trainingsbelastung und Spielpraxis, sondern vor allem die zugrundeliegenden Veränderungen von Sehnen, Muskeln und Gelenken.
Prof. Dr. Filip Mess, Leiter der Professur für Sport- und Gesundheitsdidaktik, erläutert: „Die Besonderheit der Kooperation mit der NBA liegt darin, dass sportliche Leistungsfähigkeit nicht nur aus der Perspektive von Trainingswissenschaft oder Sportpsychologie betrachtet wird, sondern auch Aspekte der Prävention und Gesundheitsförderung einfließen. Die erzielten Erkenntnisse können dann mittelfristig zu individualisierten, präventiven Empfehlungen und Maßnahmen bei Nachwuchsathleten führen, ganz im Sinne einer Precision Prevention.“
„Bisher wurde die Trainingsbelastung häufig über indirekte Kennzahlen wie Sprünge oder Laufdistanzen erfasst“, erklärt Philipp Hartmannsgruber, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Sport- und Gesundheitsdidaktik. „Wir gehen jetzt einen entscheidenden Schritt weiter und schauen direkt ins Gewebe: Wie verändern sich Sehnen und Muskeln über eine Saison hinweg und wie hängen diese Veränderungen mit Verletzungen zusammen?“
Ein einzigartiges Studiendesign über mehrere Altersstufen
Das Projekt verfolgt einen gestaffelten Ansatz. In Deutschland werden männliche Nachwuchsbasketballer im Alter von 13 bis 18 Jahren untersucht. Parallel dazu analysiert die University of Wisconsin College-Spieler. Diese Struktur ermöglicht es erstmals, die Entwicklung von Muskel- und Sehneneigenschaften vom Jugend- bis in den Profibereich systematisch nachzuvollziehen.
Besonders innovativ ist der umfangreiche Methodenmix. Zum Einsatz kommen Ganzkörper-MRTs, hochauflösende Ultraschallverfahren sowie regelmäßige biomechanische Testbatterien. Ergänzt werden diese Verfahren durch kontinuierliches Belastungsmonitoring mittels Sensorsystemen im Trainings- und Spielbetrieb. So entsteht ein engmaschiges, prospektives Monitoring über mehrere Saisons hinweg.
Von der Verletzungshistorie bis zur Trainingslast
Übergeordnetes Ziel des Projekts ist die Entwicklung eines Frameworks zur Ermittlung von Risikofaktoren für Verletzungen der unteren Extremität bei männlichen Nachwuchsbasketballern. Konkret sollen Zusammenhänge zwischen Gewebestruktur, biomechanischen Eigenschaften, individueller Verletzungshistorie sowie Trainings- und Spielbelastung identifiziert werden.
Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Frage, wie frühere Verletzungen die aktuellen körperlichen Voraussetzungen beeinflussen. So wird unter anderem untersucht, ob zurückliegende Sprunggelenksverletzungen mit einer erhöhten Gelenklaxheit, einem eingeschränkten Bewegungsumfang einhergehen oder ob frühere Patella- und Achillessehnenbeschwerden langfristige Veränderungen in Kraft und Sehnenmorphologie nach sich ziehen.
Darüber hinaus analysiert das Forschungsteam, ob bestimmte muskuläre oder sehnenspezifische Eigenschaften zu Saisonbeginn mit einem erhöhten Risiko für spätere Verletzungen verbunden sind. Auch Veränderungen im Verlauf der Saison spielen eine zentrale Rolle. Verschlechtern sich Kraft, Beweglichkeit oder Gewebequalität unter hoher Trainingsbelastung, könnte dies ein Frühwarnsignal für drohende Muskelverletzungen sein.
Enge Betreuung und praxisnahe Relevanz
Die Datenerhebung ist bewusst eng getaktet: Ultraschall- und biomechanische Messungen finden alle vier bis sechs Wochen statt, da sich Sehnen- und Gewebeeigenschaften vergleichsweise schnell verändern können. Zusätzlich dienen die regelmäßigen Untersuchungen auch als Injury-Screening, um frühzeitig auf kritische Entwicklungen reagieren zu können.
Für die teilnehmenden Nachwuchsspieler bedeutet dies eine Betreuung auf professionellem Niveau. Die eingesetzten Testprotokolle entsprechen denen der NBA, inklusive standardisierter Kraftmessplatten und biomechanischer Analysen. Auch externe Einflussfaktoren wie das Schuhwerk der Athleten werden berücksichtigt, um ein möglichst vollständiges Bild zu erhalten.
Nachhaltige Perspektive für Prävention und Trainingssteuerung
Langfristig sollen die Ergebnisse des Projekts dazu beitragen, Verletzungen gezielter zu verhindern, insbesondere im sensiblen Jugendalter. „Bei erwachsenen Athleten sind viele Anpassungsprozesse bereits abgeschlossen“, so Hartmannsgruber. „Im Nachwuchsbereich haben wir noch die Möglichkeit, Trainingssteuerung und Belastung so zu gestalten, dass problematische Entwicklungen gar nicht erst entstehen.“
Ob daraus allgemeingültige Empfehlungen oder eher individuelle Profile und Screening-Tools abgeleitet werden können, ist Teil der offenen, explorativen Fragestellung. In jedem Fall liefert das Projekt wichtige Grundlagen, um Trainings- und Präventionsstrategien im Basketball – vom Nachwuchs bis in die NBA – evidenzbasiert weiterzuentwickeln.
Mit seinem internationalen Ansatz, der engen Verzahnung von Forschung und Praxis sowie der außergewöhnlichen Datentiefe leistet das Projekt einen zentralen Beitrag zur modernen Sportwissenschaft und setzt neue Maßstäbe in der Verletzungsprävention im Leistungssport.
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Kontakt
Prof. Dr. Filip Mess
Professur für Sport- und Gesundheitsdidaktik
Am Olympiacampus 11
80809 München
Tel.: 089 289 24520
E-Mail: filip.mess(at)tum.de
Philipp Hartmannsgruber
Professur für Sport- und Gesundheitsdidaktik
Am Olympiacampus 11
80809 München
Tel.: 089 289 24975
E-Mail: philipp.hartmannsgruber(at)tum.de
Text & Fotos: Bastian Daneyko