Bewegung als Therapie: Professur für Gesundheitsökonomie veröffentlicht Studie in „The Lancet Psychiatry“
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Ein interdisziplinäres Forscherteam der Technischen Universität München hat eine neue Studie zur Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit bewegungsbasierter Therapieansätze bei psychischen Erkrankungen in einem der weltweit führenden Fachjournale durchgeführt und veröffentlicht. Der Beitrag mit dem Titel „Cost-effectiveness of a transdiagnostic group exercise intervention for mental health in Germany (ImPuls trial): an economic evaluation study“ erschien im Journal „The Lancet Psychiatry”, das einen Impact Faktor von 24,8 hat.
Erstautor der Studie ist Dr. Sebastian Himmler, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Gesundheitsökonomie. Letztautorin ist Prof. Dr. Leonie Sundmacher, Leiterin der Professur für Gesundheitsökonomie. Die Arbeit entstand im Rahmen eines Projekts des Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses und in enger Zusammenarbeit mit einem interdisziplinären Forschungsteam.
Bewegung als ergänzende Therapieoption bei psychischen Erkrankungen
Psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder posttraumatische Belastungsstörungen stellen weltweit eine erhebliche gesundheitliche und ökonomische Herausforderung dar. Gleichzeitig sind bestehende Versorgungsangebote häufig mit Zugangshürden verbunden oder zeigen begrenzte Wirksamkeit.
Die vorliegende Studie untersucht daher die Intervention „ImPuls“ – ein strukturiertes, gruppenbasiertes Bewegungsprogramm für Patientinnen und Patienten mit unterschiedlichen psychischen Erkrankungen. Im Fokus stand insbesondere die gesundheitsökonomische Bewertung.
„Wir haben in der Studie eine umfassende gesundheitsökonomische Evaluation durchgeführt und dabei neben den Kosten auch die Lebensqualität und Versorgungsaspekte berücksichtigt“, erklärt Dr. Himmler. „Die Kostenanalyse basiert dabei auf Routinedaten der Krankenkassen, was eine besonders realitätsnahe Bewertung ermöglicht.“
Deutliche gesundheitliche Effekte bei moderaten Zusatzkosten
Die Analyse basiert auf Daten einer großen randomisierten kontrollierten Studie mit rund 400 Teilnehmenden im ambulanten Setting in Deutschland. Untersucht wurde ein sechsmonatiges Trainingsprogramm, das betreute und eigenständige Bewegungseinheiten, verhaltensbezogene Strategien sowie digitale Unterstützung kombiniert. Gruppenbasierte Trainingseinheiten fanden dabei nur in den ersten vier Wochen statt mit anschließender Begleitung unter anderem durch eine App.
Die Ergebnisse zeigen: Teilnehmende der Interventionsgruppe profitierten signifikant stärker als die Vergleichsgruppe, die nur Leistungen aus der Regelversorgung erhielt. Die psychischen Beschwerden gingen deutlich zurück, und auch die gesundheitsbezogene Lebensqualität verbesserte sich messbar.
Nach zwölf Monaten zeigte sich eine zusätzliche Verbesserung um 3,78 Punkte auf einer etablierten Skala zur Messung psychischer Belastung (BSI-18) sowie ein Zugewinn an gesundheitsbezogener Lebensqualität, gemessen in sogenannten Quality-Adjusted Life Years (QALYs).
Gleichzeitig lagen die Gesamtkosten moderat höher: Im Durchschnitt entstanden zusätzliche Kosten von rund 553 Euro pro Patientin oder Patient. Daraus ergibt sich ein Kosten-Nutzen-Verhältnis von etwa 17.543 Euro pro gewonnenem QALY.
„Die Intervention führt nicht dazu, dass unmittelbar Kosten eingespart werden, da durch ihre Durchführung zunächst zusätzliche Aufwendungen entstehen“, so Dr. Himmler. „Gleichzeitig sehen wir aber einen klaren positiven Effekt auf die Lebensqualität der Teilnehmenden. Aus gesundheitsökonomischer Sicht kann man die Maßnahme daher als kosteneffektiv bewerten.“
Hohe Relevanz für die Versorgung
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist die hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Intervention als kosteneffektiv einzustufen ist – insbesondere im Vergleich zu gängigen internationalen Schwellenwerten.
„Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass bewegungsbasierte Interventionen eine sinnvolle Ergänzung zur bestehenden Versorgung darstellen können“, betont Dr. Himmler. „Aus gesundheitsökonomischer Perspektive empfehlen wir daher, solche Programme perspektivisch in die Regelversorgung zu integrieren.“
Bedeutung für Forschung und Gesundheitspolitik
Die Studie liefert erstmals belastbare Evidenz zur Kosteneffektivität einer transdiagnostischen Bewegungsintervention, die mehrere psychische Erkrankungen gleichzeitig adressiert.
„Mit dem ImPuls-Ansatz zeigen wir, dass innovative und vergleichsweise niedrigschwellige Interventionen sowohl wirksam als auch wirtschaftlich tragfähig sein können“, sagt Prof. Sundmacher. „Gerade im Bereich der psychischen Gesundheit ist es entscheidend, neue Versorgungsformen zu entwickeln, die Patientinnen und Patienten frühzeitig erreichen.“
Darüber hinaus hebt Prof. Sundmacher die gesundheitspolitische Relevanz hervor: „Die Ergebnisse liefern wichtige Anhaltspunkte für die Weiterentwicklung der Versorgung. Interdisziplinäre Ansätze, die Prävention, Bewegung und Therapie verbinden, können langfristig dazu beitragen, Versorgungslücken zu schließen.“ Auch der Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss spricht sich positiv für weitere Schritte zur Überführung von „ImPuls“ in die Regelversorgung aus.
Zur Publikation im Journal „The Lancet Psychiatry“
Zur Homepage der Professur für Gesundheitsökonomie
Zum Beschlusstext des Innovationsausschusses
Kontakt:
Prof. Dr. Leonie Sundmacher
Professur für Gesundheitsökonomie
Am Olympiacampus 11
80809 München
Tel.: 089 289 24464
E-Mail: leonie.sundmacher(at)tum.de
Dr. Sebastian Himmler
Professur für Gesundheitsökonomie
Am Olympiacampus 11
80809 München
Tel.: 089 289 24465
E-Mail: sebastian.himmler(at)tum.de
Text: Romy Schwaiger
Fotos: „The Lancet Psychiatry"/Silvia Béres (Beres Fotografie)