Bewegung neu denken: DFG-Forschungsprogramm bei Professur für Sport- und Gesundheitsdidaktik
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Wie gelingt es, Menschen ein Leben lang in Bewegung zu halten? Mit dieser Fragestellung begrüßt die Professur für Sport- und Gesundheitsdidaktik der Technischen Universität München Dr. Johannes Carl, der im Rahmen des Heisenberg-Programms der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ein auf fünf Jahre angelegtes, eigenständig entwickeltes Forschungsprogramm an die TUM bringt. Die Förderung umfasst eine Stelle als Nachwuchsgruppenleiter sowie einen weiteren DFG-Grant und ist mit dem Status als TUM Junior Fellow mit Promotionsrecht verbunden. Zuvor war der Sportwissenschaftler an der Deakin University in Melbourne tätig.
„Da Dr. Johannes Carl und ich schon bei einigen Publikationen zusammengearbeitet haben, freut es mich nun sehr, dass wir diese Zusammenarbeit hier bei uns am Department Health and Sport Sciences intensivieren können. Zumal gerade der Fokus auf die bewegungsbezogene Gesundheitskompetenz bei Heranwachsenden und deren Förderung zu einem der Kernbereiche unserer Professur gehören. Dank der Expertise von Johannes Carl und seines internationalen Netzwerks, können wir zukünftig diesen Forschungsschwerpunkt deutlich erweitern“, erklärt Prof. Dr. Filip Mess, Leiter der Professur für Sport- und Gesundheitsdidaktik.
Mit seinem Forschungsprogramm widmet sich Dr. Carl der zentralen Frage, welche individuellen Voraussetzungen Menschen benötigen, um ein Leben lang körperlich aktiv zu sein. Dabei verfolgt er einen ganzheitlichen Ansatz, der neben individuellen Faktoren auch strukturelle Bedingungen in Bildung, Sport und Gesundheitssystemen sowie politische Rahmenbedingungen berücksichtigt.
„Bewegung hat vielfältige Effekte auf die körperliche, psychische und soziale Gesundheit. Dennoch schöpfen wir dieses Potenzial gesellschaftlich noch nicht ausreichend aus“, erklärt Carl. „Unser Ziel ist es, besser zu verstehen, welche Fähigkeiten Menschen benötigen, um dauerhaft aktiv zu bleiben und wie Systeme gestaltet sein müssen, um das zu unterstützen.“
Globaler Handlungsrahmen für mehr Bewegung
Ein zentraler Bestandteil seiner bisherigen Arbeit ist die Entwicklung des „Global Physical Literacy Action Frameworks“, das Carl in den vergangenen zwei Jahren federführend mit internationalen Partnern erarbeitet hat. Das Konzept der Physical Literacy beschreibt die Fähigkeit, sich kompetent, motiviert und selbstbewusst in unterschiedlichen Bewegungssituationen zu bewegen. Es umfasst körperliche, kognitive, psychologische und soziale Aspekte.
Der globale Handlungsrahmen reagiert darauf, dass bestehende Bewegungsprogramme und Bildungsansätze diese Komplexität bislang oft nur unzureichend berücksichtigen. Ziel war es, einen gemeinsamen Orientierungsrahmen zu schaffen, an dem sich beispielsweise Bildungs-, Sport- und Gesundheitssysteme weltweit ausrichten können.
Das Framework wird von 21 führenden internationalen Organisationen im Bereich Bewegung und Gesundheit unterstützt – darunter UNESCO Chairs, AIESEP, ISPAH und ISBNPA. „Wir brauchen eine gemeinsame Sprache, um Bewegung ganzheitlich zu denken – das heißt auch über Ländergrenzen hinweg“, so Carl. „Gleichzeitig muss der Rahmen flexibel genug sein, um unterschiedliche kulturelle und strukturelle Voraussetzungen zu berücksichtigen.“
Monitoring und internationale Vernetzung
In den kommenden fünf Jahren liegt der Fokus seiner Forschung auf der Umsetzung dieses globalen Handlungsrahmens. Geplant ist unter anderem der Aufbau eines „Global Physical Literacy Monitorings“, das untersucht, wie verschiedene Länder die Empfehlungen in ihren Systemen verankern und welche Effekte sich daraus ergeben. Die Wahl auf die TUM fiel unter anderem, weil innerhalb der TUM School of Medicine and Health, zum Beispiel zu den Themen Public Health (Prof. Dr. Michael Laxy), Gesundheitskompetenz (Prof. Dr. Orkan Okan) und Sekundärdatenanalysen (Prof. Dr. Alexander Hapfelmeier), hohe gemeinsame Synergien entstehen können.
Dabei sollen zentrale gesellschaftliche Bereiche wie Schule, organisierter Sport und Gesundheitsversorgung systematisch analysiert und miteinander verglichen werden. Ziel ist es, evidenzbasierte Handlungsempfehlungen abzuleiten und langfristig mehr Menschen für Bewegung zu gewinnen.
Parallel dazu übernimmt Carl eine leitende Rolle beim Aufbau der Arbeitsgruppe „Physical Literacy“ im europäischen Netzwerk HEPA Europe der Weltgesundheitsorganisation (WHO).
„Schon kleine Veränderungen in großen Systemen können enorme Auswirkungen haben“, betont Dr. Carl. „Wenn es uns gelingt, die Rahmenbedingungen für Bewegung auch nur leicht zu verbessern, kann das einen großen gesellschaftlichen Mehrwert erzeugen, da wir damit viele Menschen erreichen können.“
Internationale Datensätze und neue Forschungsprojekte
Neben dem globalen Monitoring baut Carl weitere Forschungsprojekte auf. Ein Schwerpunkt liegt auf der Zusammenführung internationaler Datensätze zur sogenannten Physical Literacy von Kindern im Alter zwischen vier und zwölf Jahren.
Dabei werden weltweit erhobene Daten zu motorischen, kognitiven, motivationalen und sozialen Fähigkeiten gebündelt und vergleichend analysiert. So soll erstmals ein umfassender Überblick darüber entstehen, wie diese Fähigkeiten in verschiedenen Ländern ausgeprägt sind und wie sie mit tatsächlicher Bewegung und Gesundheit zusammenhängen.
Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, gezielt Ansatzpunkte für zukünftige Bewegungsprogramme zu identifizieren, etwa indem sichtbar wird, welche Fähigkeiten bislang vernachlässigt wurden und stärker gefördert werden sollten.
Beitrag zur Gesundheitsförderung über die Lebensspanne
Ein zentrales Anliegen von Dr. Carls Forschung ist es, Bewegung nicht nur im Kindesalter, sondern über die gesamte Lebensspanne hinweg zu fördern. Aktuelle Entwicklungen zeigen, dass insbesondere im Jugendalter viele Menschen aus dem organisierten Sport aussteigen und die körperliche Aktivität im weiteren Lebensverlauf dann auch auf niedrigem Niveau bleibt.
Der ganzheitliche Ansatz der Physical Literacy zielt darauf ab, diesem Trend entgegenzuwirken, indem er stärker auf Motivation, individuelle Erfahrungen und soziale Aspekte von Bewegung eingeht. „Es geht nicht nur darum, sportliche Leistung zu fördern“, so Carl. „Vielmehr müssen wir Bedingungen schaffen, die möglichst viele Menschen dazu motivieren und befähigen, sich ein Leben lang zu bewegen.“
Das Heisenberg-Programm richtet sich an qualifizierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die bereits die Voraussetzungen für eine unbefristete Professur erfüllen. Es ermöglicht ihnen, ihre Forschung an einer Institution ihrer Wahl weiterzuführen, ihre wissenschaftliche Reputation auszubauen und sich gezielt auf eine wissenschaftliche Leitungsfunktion vorzubereiten.
Zur Homepage der Professur für Sport- und Gesundheitsdidaktik
Zur Homepage des Projekts: „Global Physical Literacy Action Frameworks“
Kontakt
Prof. Dr. Filip Mess
Professur für Sport- und Gesundheitsdidaktik
Am Olympiacampus 11
80809 München
Tel.: 089 289 24520
E-Mail: filip.mess(at)tum.de
Dr. Johannes Carl
Professur für Sport- und Gesundheitsdidaktik
Am Olympiacampus 11
80809 München
Tel.: 089 289 24974
E-Mail: johannes.carl(at)tum.de
Text: Bastian Daneyko
Fotos: Privat