Neue Studie der Professur für Psychology & Digital Mental Health Care zeigt: Internetbasierte Präventionsprogramme können Risiko für Depressionen senken
News des Departments |
Digitale Programme könnten zukünftig eine wichtige Rolle in der Prävention psychischer Erkrankungen spielen. Eine aktuelle Studie eines Forschungsgremiums um Prof. Dr. David Daniel Ebert zeigt, dass ein internetbasiertes Präventionsprogramm das Risiko, eine depressive Störung oder eine Angststörung zu entwickeln, signifikant reduzieren kann. Die Ergebnisse der Studie „Internet-based indicated prevention of anxiety and depression disorder onset three-arm randomized clinical trial“ wurden im Fachjournal npj Digital Medicine der Nature Publishing Group veröffentlicht. Das Journal hat einen Impact-Faktor von 15,1.
Im Mittelpunkt der Untersuchung steht ein sogenanntes transdiagnostisches Interventionskonzept. Anders als viele klassische Programme richtet es sich nicht nur an einzelne Problemgebiete, sondern adressiert gleichzeitig depressive und angstbezogene Schwierigkeiten. Hintergrund ist, dass beide Erkrankungen zahlreiche gemeinsame Risikofaktoren aufweisen, darunter traumatische Lebenserfahrungen, emotionale Vernachlässigung, eine ausgeprägte Neigung zu Sorgen oder eine geringe Selbstwirksamkeit.
„Die Studie zeigt, wie groß das Potenzial von digitaler Prävention sein kann. Sie kann Menschen bereits in einer frühen Phase erreichen, bevor psychische Erkrankungen in vollem Umfang ausbrechen, und dazu beitragen, die Entwicklung von Depressionen und Angststörungen wirksam zu verhindern“, erklärt Prof. Ebert, Leiter der Professor für Psychology & Digital Mental Health Care.
Digitales Training über mehrere Wochen
An der randomisierten kontrollierten Studie nahmen 566 Erwachsene mit erhöhten, aber noch nicht klinisch diagnostizierten depressiven oder angstbezogenen Symptomen teil. Ziel war es, den Übergang von ersten Warnzeichen zu einer manifesten psychischen Erkrankung zu verhindern. „Wir waren selbst überrascht, wie groß die Effekte in der Prävention ausfallen: eine 41-prozentige Reduktion depressiver Symptome und 53 Prozent bei Angststörungen“, sagt Prof. Ebert.
Die Teilnehmenden durchliefen über mehrere Wochen ein strukturiertes Onlineprogramm. Dieses umfasste acht digitale Sitzungen mit Videos, psychoedukativen Inhalten und konkreten Reflexionsaufgaben. Vermittelt wurden unter anderem Strategien aus der kognitiven Verhaltenstherapie, etwa zum Umgang mit belastenden Gedanken, Sorgen oder Stimmungsschwankungen.
Der Schwerpunkt lag jedoch nicht allein auf den wöchentlichen Lektionen. Entscheidend war vor allem die Umsetzung im Alltag. Die Teilnehmenden wurden dazu angeleitet, neue Verhaltensweisen systematisch auszuprobieren, ihre Erfahrungen zu reflektieren und daraus individuelle Trainingspläne zu entwickeln. Das Programm konnte dabei im Verlauf personalisiert werden, sodass Inhalte stärker an die individuellen Bedürfnisse angepasst wurden.
Individuelle und automatisierte Unterstützung
Ein besonderes Augenmerk der Studie lag auf der Frage, welche Form der Unterstützung für digitale Präventionsprogramme notwendig ist. Dafür wurden drei Gruppen miteinander verglichen: Eine Gruppe erhielt individuelles Feedback durch Psychologinnen und Psychologen, eine zweite ausschließlich automatisierte Rückmeldung eines Algorithmus, während eine dritte Kontrollgruppe keine zusätzliche Intervention erhielt.
Die persönliche Rückmeldung bestand vor allem darin, bearbeitete Aufgaben zu kommentieren und die Teilnehmenden im Lernprozess zu begleiten. Die automatisierte Variante generierte dagegen standardisierte, positiv formulierte und validierende Texte. „Erstaunlich war, dass die individuelle und die automatische Rückmeldung nahezu gleich wirksam waren. Damit wird Prävention plötzlich deutlich skalierbarer“, erklärt Prof. Ebert.
Früher ansetzen statt nur behandeln
Die Ergebnisse berühren eine grundlegende Herausforderung der psychischen Gesundheitsversorgung. Viele Versorgungssysteme sind primär auf eine Behandlung ausgerichtet – also darauf, Menschen erst dann zu unterstützen, wenn bereits eine Erkrankung vorliegt. Gleichzeitig vergeht häufig viel Zeit, bis Betroffene überhaupt Hilfe suchen.
Digitale Präventionsprogramme könnten hier eine wichtige Lücke schließen. Sie sind niedrigschwellig verfügbar und können bereits in frühen Phasen eingesetzt werden, wenn erste Symptome auftreten. „Die Schwere der Symptome ist dabei weniger entscheidend. Wichtig ist viel mehr, ob Menschen bereit sind, etwas zu lernen und aktiv mitzumachen“, sagt Ebert.
Derartige Programme richten sich insbesondere an Menschen, die motiviert sind, Strategien zu erlernen, um ihr Befinden langfristig zu verbessern sowie den Umgang mit Sorgen und Ängsten zu erleichtern. Für Personen mit schweren psychotischen Erkrankungen wie Schizophrenie sind sie dagegen nicht konzipiert. Auch bei ausgeprägten Suizidgedanken sollte digitale Prävention immer mit zusätzlicher professioneller Unterstützung kombiniert werden.
Potenzial für eine breitere Anwendung
Bereits heute existieren digitale Angebote zur Behandlung von Depressionen. Präventionsprogramme, die gezielt vor dem Ausbruch einer Erkrankung ansetzen, sind vergleichsweise selten. Die Studienergebnisse zeigen, dass internetbasierte Interventionen eine effektive sowie effiziente Möglichkeit darstellen könnten, den Übergang von subklinischen Symptomen zu einer diagnostizierten Depression oder Angststörung zu verhindern oder zumindest deutlich hinauszuzögern.
Langfristig könnten solche Programme zu einer wichtigen Ergänzung der klassischen Versorgung werden – insbesondere, um Menschen frühzeitig zu erreichen und präventiv zu unterstützen.
Zur Homepage der Professur für Psychology & Digital Mental Health Care
Zur Studie: “Internet-based indicated prevention of anxiety and depression disorder onset three-arm randomized clinical trial”
Kontakt:
Prof. Dr. David Daniel Ebert
Professur für Psychology & Digital Mental Health Care
Am Olympiacampus 11
80809 München
E-Mail: david.daniel.ebert@tum.de
Text: Bastian Daneyko
Fotos: npj Digital Medicine/Privat