Faszienforschung
Faszienforschung
Die Faszienforschung bildet einen interdisziplinären Schwerpunkt innerhalb der Professur für Konservative und Rehabilitative Orthopädie. Im Rahmen des FASCIA RESEARCH PROJECT kooperiert die Technische Universität München, Professur für Konservative und Rehabilitative Orthopädie, mit dem gemeinnützigen Verein zur Förderung der Faszienforschung e. V. und weiteren internationalen Forschungsgruppen.
Ziel ist es, die biomechanischen, sensorischen und physiologischen Eigenschaften des körperweiten faszialen Netzwerks evidenzorientiert zu untersuchen. Dabei werden neben festen Bindegewebsschichten mit unregelmäßiger Architektur, der sogenannten „proper fascia“, auch Aponeurosen, Sehnen, Bänder, Gelenk- und Organkapseln, Septen, Retinakula sowie intramuskuläres Bindegewebe berücksichtigt. Die Forschung verbindet grundlagenorientierte, methodische und klinische Fragestellungen mit dem Ziel, neue Messverfahren zu entwickeln und Erkenntnisse in Prävention, nicht-operative Therapie, Rehabilitation und sportwissenschaftliche Anwendungen zu übertragen.
1. Aktuelle Forschungsthemen
- Biomechanische, sensorische und physiologische Eigenschaften des faszialen Systems
- Myofasziale Physiologie und Pathologie einschließlich fibrotischer Prozesse
- Reaktionen menschlicher Faszien auf manuelle Behandlungen, aktives und passives Dehnen sowie myofasziale Selbstbehandlung und Foam Rolling
- Fasziale Gleitfähigkeit, Gewebedeformation und Gewebesteifigkeit
- Funktion der thorakolumbalen Faszie bei Bewegung und Belastung
- Biomechanische Wechselwirkungen zwischen den Fasziengeweben des Fußes und den Strukturen von Bein und Hüfte
- Fasziale Perspektiven in Laufanalyse und Schuhentwicklung
- Bedeutung faszialer Strukturen für Rückenschmerzen, Bewegung, sportliche Leistung und Rehabilitation
- Entwicklung und Optimierung nicht-operativer faszienorientierter Behandlungskonzepte
- Entwicklung und Validierung quantitativer Messverfahren für die Faszienforschung
2. Methoden und Messverfahren
Je nach wissenschaftlicher Fragestellung kommen experimentelle, biomechanische und klinische Untersuchungsverfahren zum Einsatz:
- B-Mode-Ultraschall zur Darstellung faszialer Strukturen sowie zur Quantifizierung von Deformation und Gleitfähigkeit
- Shear-Wave-Elastografie zur Untersuchung mechanischer Gewebeeigenschaften
- Myotonometrische und weitere mechanische Messverfahren zur Bestimmung von Gewebesteifigkeit und Gewebeelastizität
- Untersuchungen der thorakolumbalen Faszie und plantarer Weichteile
- Biomechanische Bewegungsanalysen und funktionelle Testverfahren
- Kontrollierte klinische Interventionsstudien zu manuellen Behandlungen, Dehnung, Bewegung und Selbstbehandlung
- Messung lokaler Gewebereaktionen, beispielsweise Mikrozirkulation und Hydratation
- Phantommodelle zur Prüfung von Validität, Reliabilität und Vergleichbarkeit von Messgeräten
- KI- und robotikgestützte Standardisierung von Ultraschallmessungen
3. Forschungsnetzwerk
Die Forschungsaktivitäten werden im FASCIA RESEARCH PROJECT gebündelt. Das Netzwerk verbindet Fachwissen aus Faszienbiologie, myofaszialer Physiologie und Pathologie, Ultraschalldiagnostik, Biomechanik, Bewegungswissenschaft sowie klinischer Forschung. Die Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Partnern ermöglicht die Bearbeitung von Grundlagenfragen, die Entwicklung neuer Messmethoden und die Translation in nicht-operative Anwendungen.
4. Aktuelle Projekte
Bewegungen und Gesten bei der täglichen Körper- und Gesichtspflege
Kooperationsprojekt mit CHANEL zum Einfluss von Bewegungen und Gesten einer täglichen kosmetischen Körper- und Gesichtsroutine auf Faszien beziehungsweise Haut und Wohlbefinden. Untersucht werden Interventionen, in denen Skin-care Produkte mit Bewegungsroutinen, die manuelle oder klassische Dehnmethoden beinhalten, aufgetragen werden. Arbeitstitel: „Impact of movements and gestures related to a daily body & face cosmetic routine on fascia (skin) and well-being – self-application gestures and products.“
KI- und robotikgestütztes Ultraschallsystem
Entwicklung eines KI- und Robotik gestützten Ultraschallsystems zur Objektivierung von Shear-Wave-Elastographie-Messungen am Bewegungsapparat. Ziel ist eine stärker standardisierte Erfassung und Auswertung mechanischer Gewebeeigenschaften.
Messgeräte für biomechanische Eigenschaften des Bindegewebes
Entwicklung von Messgeräten zur quantitativen Bestimmung biomechanischer Parameter des Bindegewebes. Im Mittelpunkt stehen objektivierbare Kenngrößen, die für experimentelle und klinische Fragestellungen nutzbar sind.
Validierung von Messgeräten an Phantommodellen
Prüfung von Reliabilität, Validität und Vergleichbarkeit von Messgeräten zur Bestimmung der Gewebesteifigkeit an mehrschichtigen Phantommodellen. Die Modelle ermöglichen Untersuchungen unter kontrollierten und reproduzierbaren Bedingungen.
5. Forschende und Schwerpunkte
| Name | Forschungsschwerpunkte |
| Prof. Dr. Robert Schleip | Faszienbiologie, fasziale Mechanosensitivität und klinische Translation |
| Prof. Dr. Werner Klingler | Myofasziale Physiologie und Pathologie |
| Dr. Anna Gabriel | Myofasziale Spannungsübertragungen |
| Dr. Dr. Andreas Brandl | Myofasziale Ultraschalldiagnostik und sportwissenschaftliche Anwendungen |
| Dr. Katja Bartsch | Myofasziale Diagnostik und Interventionen; weibliches Bindegewebe |
| Torsten Pohl, M.Sc. | Sportwissesnchaftliche Anwendungen |
| Prof. Dr. med. Wolfgang Bauermeister | Ultraschalldiagnostik des Myofaszialen Systems |
6. Ausgewählte aktuelle Publikationen aus der Faszienforschung
Die folgende Auswahl bildet aktuelle methodische, biomechanische und klinische Arbeiten mit Beteiligung von Mitgliedern der Professur ab:
- Schleip, R.; Seifert, S.; Egner, C.; Brandl, A.; Overmann, L. (2026). Immediate effects of a yoga-based static stretching sequence on thoracolumbar fascia shear mobility and lumbar range of motion. Journal of Bodywork and Movement Therapies, 48, 269–275. DOI: https://doi.org/10.1016/j.jbmt.2026.06.009
- Çevik Saldıran, T.; Schleip, R.; Bartsch, K.; Bauermeister, W.; Pohl, T.; Horstmann, T. (2025). Validation and reliability of mechanical stiffness assessment tools in multilayered polyurethane phantom models of healthy and diabetic plantar soft tissues. Scientific Reports, 15, 34118. DOI: https://doi.org/10.1038/s41598-025-21084-5
- Brandl, A.; van Amstel, R.; Schleip, R. (2025). Ground truth and demographic data for ultrasound assessment of thoracolumbar fascia deformation and shearing. Scientific Data, 12, 1403. DOI: https://doi.org/10.1038/s41597-025-05701-6
- Brandl, A.; Schleip, R. (2025). The in vitro and vivo validation of a new ultrasound method to quantify thoracolumbar fascia deformation. Journal of Clinical Medicine, 14(5), 1736. DOI: https://doi.org/10.3390/jcm14051736
- Gabriel, A.; Ridge, S. T.; Birth, M.; Horstmann, T.; Pohl, T.; Konrad, A. (2024) Local and non-local effects (on the posterior chain) of four weeks of foot exercises: a randomized controlled trial. Scientific Reports. DOI: 10.1038/s41598-024-71585-y
7. Schlüsselpublikationen aus dem Team
Redaktionelle Auswahl von Arbeiten mit Beteiligung von Prof. Dr. Robert Schleip und/oder Prof. Dr. Werner Klingler, die Grundlagen, Definitionen, Interventionen und Messmethodik der Faszienforschung abbilden:
- Schleip R. (2003). Fascial plasticity – a new neurobiological explanation: Part 1. Journal of Bodywork and Movement Therapies. 7,11–19. DOI: https://10.1016/S1360-8592(02)000670 Zitationen: 999 (Google Scholar)
- Willard FH, Vleeming A, Schuenke MD, Danneels L, Schleip R. (2012). The thoracolumbar fascia: anatomy, function and clinical considerations. Journal of Anatomy. 221, 507–536. DOI: https://10.1111/j.1469-7580.2012.01511.x Zitationen: 975 (Google Scholar)
- Schleip R, Jäger H, Klingler W. (2012). What is 'fascia'? A review of different nomenclatures. Journal of Bodywork and Movement Therapies. 16, 496–502. DOI: https://10.1016/j.jbmt.2012.08.001 Zitationen: 401 (Google Scholar) ·
- Schleip R, Müller DG. 2013. Training principles for fascial connective tissues: Scientific foundation and suggested practical applications. Journal of Bodywork and Movement Therapies. 17, 103–115. DOI: https://10.1016/j.jbmt.2012.06.007 Zitationen: 401 (Google Scholar)
Schleip R, Klingler W, Lehmann-Horn F. (2005). Active fascial contractility: Fascia may be able to contract in a smooth muscle-like manner and thereby influence musculoskeletal dynamics. Medical Hypotheses. 65, 273–277. DOI: https://10.1016/j.mehy.2005.03.005 Zitationen: 399 (Google Scholar)
8. Wissenschaftskommunikation und Wissenstransfer
Die Ergebnisse der Faszienforschung leisten einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung präventiver, konservativer und rehabilitativer Maßnahmen bei orthopädischen Erkrankungen und Verletzungen. Ein zentrales Anliegen unserer Arbeit ist daher die Übertragung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die klinische Praxis sowie in sportliche Trainings- und Präventionskonzepte.
Zur Förderung des wissenschaftlichen Austauschs und des Wissenstransfers veranstalten wir regelmäßig Fachkongresse und Fortbildungsformate. Dazu zählt insbesondere der internationale Kongress CONNECT – Connective Tissue in Sports Medicine, den wir bereits mehrfach ausgerichtet haben. Im wissenschaftlichen Programm kommen international führende Forscherinnen und Forscher zusammen, um aktuelle Entwicklungen der Faszien- und Bindegewebsforschung zu diskutieren. Der klinische Programmteil widmet sich der praxisnahen Vermittlung neuer diagnostischer und therapeutischer Ansätze für die Anwendung in Medizin, Therapie und Sport.
CONNECTIVE TISSUES IN SPORTS MEDICINE 2025, full version
9. Kontakt für wissenschaftliche Qualifikationsarbeiten
Sie interessieren sich für eine Abschlussarbeit, eine Dissertation oder ein Postdoc-Projekt im Bereich der Faszienforschung? Bitte senden Sie eine kurze Anfrage mit Angaben zu Ihrem fachlichen Hintergrund, Ihrem Interessengebiet, dem gewünschten Format der wissenschaftlichen Arbeit und dem geplanten Zeitraum an:
Kontakt
Prof. Dr. Robert Schleip
r.schleip@tum.de
Hinweis: Konkrete Themen und Betreuungsmöglichkeiten richten sich nach den laufenden Forschungsprojekten und den verfügbaren Betreuungskapazitäten.