Wie beeinflusst Licht unsere Gesundheit, unser Wohlbefinden und unsere innere Uhr? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt einer neuen, international koordinierten Forschungsagenda, die von Prof. Dr. Manuel Spitschan, Leiter der Professur für Chronobiology & Health, und weiteren Expertinnen und Experten entwickelt wurde. Ziel des Konsortiums ist es, Licht als modifizierbaren Umweltfaktor stärker in den Bereichen der Forschung, Prävention und Public-Health-Strategien zu verankern. Unter dem Titel „Ocular light and optical radiation exposure as a modifiable environmental determinant of health: expert consensus on research gaps and priorities” wurde die Agenda im Journal BMC Medicine veröffentlicht. Das Fachjournal weist einen Impact Factor von 8,3 auf.
Licht steuert nicht nur, wie wir sehen. Es synchronisiert auch unsere zirkadianen Rhythmen, beeinflusst den Schlaf, die Stimmung, die Leistungsfähigkeit sowie den Stoffwechsel. Dennoch gibt es bislang wenig standardisierte Instrumente oder koordinierte Dateninfrastruktur, außerdem kaum Wege, die Lichtforschung in die praktische Gesundheitsvorsorge zu übersetzen. „Ähnlich wie bei Lärm oder Luftverschmutzung sollten wir Licht als einen Faktor begreifen, der unsere Gesundheit beeinflusst – und den wir gezielt gestalten können“, erklärt Prof. Spitschan.
Ein internationales Konsortium auf dem Weg zu einer Forschungsagenda
Um diese Lücke zu schließen, hat Prof. Spitschan gemeinsam mit den 13 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, öffentlicher Gesundheit, Strahlenschutz und Medizin einen strukturierten Konsensprozess gestartet. In verschiedenen Workshops wurden bestehende Studien analysiert, Forschungslücken diskutiert und Prioritäten für die nächsten Jahre festgelegt. „Wir wissen heute, dass etwa Licht im Labor und unter realen Bedingungen physiologische Effekte hat. Aber wir müssen verstehen, wie diese Effekte in der Bevölkerung wirken und welche Interventionen tatsächlich einen Unterschied machen“, so der Chronobiologe.
Neun zentrale Forschungslücken
Das Gremium macht deutlich, dass es bei dem Thema Licht als Gesundheitsfaktor noch zahlreiche Wissensdefizite gibt. Insgesamt wurden neun zentrale Forschungslücken identifiziert. So fehlt es beispielsweise an standardisierten Messinstrumenten, mit denen sich Lichtexposition zuverlässig und vergleichbar erfassen lässt – eine Grundvoraussetzung für belastbare Studien. Hinzu kommt, dass viele Erkenntnisse zu Dosis-Wirkungs-Beziehungen aus kontrollierten Laborumgebungen stammen, bislang aber kaum geklärt ist, ob und wie diese Effekte unter realen Alltagsbedingungen auftreten. Besonders kritisch ist zudem, dass die nicht-visuellen Wirkungen von Licht – etwa auf die innere Uhr oder den Schlaf – nur unzureichend in Public-Health-Strategien und Präventionskonzepte integriert sind. „Diese Beispiele zeigen, wie groß der Bedarf an koordinierter, populationsnaher Forschung weiterhin ist“, erklärt Spitschan.
Prioritäten für die nächsten Jahre
Auf Basis dieser Erkenntnisse wurden elf Forschungsprioritäten definiert. Dazu gehören die Entwicklung und Standardisierung von Messinstrumenten, konsistente Expositions- und Outcome-Metriken, interoperable Dateninfrastruktur, ethische Standards und die Einbettung von Licht in öffentliche und berufliche Gesundheitsrahmen. Vier weitere Prioritäten zielen ab auf den Kapazitätsaufbau: Initiierung globaler Netzwerke, Förderung interdisziplinärer Zusammenarbeit, strategische Kommunikation und die politische Vernetzung. „Unser Ziel ist es, Lichtforschung auf Bevölkerungsebene wirksam zu machen und in Prävention und Politik zu überführen“, erklärt Prof. Spitschan.
Globale Perspektiven
Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den international vergleichbaren Daten. „Ein zentrales Problem ist die geographische Schieflage der bisherigen Studien. Die meisten Daten stammen aus Nordamerika, Westeuropa und einigen entwickelten Ländern in Asien. Dadurch entsteht eine Wissensbasis, die kontextabhängig ist“, betont Spitschan. „Es geht aber darum, Wissen zu schaffen, das nicht nur lokal beziehungsweise in bestimmten Gebieten relevant ist, sondern weltweit angewendet werden kann.“ Internationale Kooperationen ermöglichen das. In Ghana konnten zuletzt erstmals Datensätze generiert werden, die valide Lichtdaten für Afrika liefern.
Relevanz für Wissenschaft und Gesellschaft
Die neue Agenda bietet eine strategische Grundlage, Licht als Kernfaktor für Gesundheit und Wohlbefinden zu etablieren und somit Praxis und Politik enger zu verzahnen. „Licht beeinflusst unsere innere Uhr, unseren Schlaf und langfristig unsere Gesundheit. Mit dieser Agenda wollen wir sicherstellen, dass diese Erkenntnisse in Prävention, Arbeitsumgebung, städtischem Design und öffentlicher Gesundheit umgesetzt werden können. Es sollen nicht nur die negativen Effekte diskutiert werden, sondern auch die positiven Wirkungen“, fasst Spitschan zusammen.
Die Umsetzung dieser Agenda hängt nun von einer nachhaltigen Koordination, strategischen Investitionen und internationaler Zusammenarbeit ab. Geplant ist die Etablierung eines internationalen Netzwerks oder einer Task-Force, die Arbeitsgruppen für spezifische Prioritäten unterstützt und Aktivitäten zwischen Ländern und wissenschaftlichen Disziplinen abstimmt. Mit diesen Maßnahmen soll Licht als wesentlicher Faktor für Gesundheit künftig evidenzbasiert und global berücksichtigt werden.
Hier geht es zum Paper: „Ocular light and optical radiation exposure as a modifiable environmental determinant of health: expert consensus on research gaps and priorities”
Zur Homepage der Rudolf Mößbauer Professur für Chronobiology & Health
Zur Homepage der Translational Sensory and Circadian Neuroscience Unit (MPS/TUM/TUMCREATE)
Kontakt
Prof. Dr. Manuel Spitschan
Rudolf Mößbauer Professur für Chronobiology & Health
Am Olympiacampus 11
80809 München
Tel.: 089 289 24544
E-Mail: manuel.spitschan(at)tum.de
Text: Bastian Daneyko
Fotos: Privat