Studie des Lehrstuhls für Epidemiologie zeigt: Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen in Bayern nimmt weiter zu
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Typ-1-Diabetes zählt zu den häufigsten chronischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Wie sich die Zahl der Neuerkrankungen in Bayern entwickelt hat, untersuchte ein Forschungsteam des Lehrstuhls für Epidemiologie unter der Leitung von Prof. Dr. Stefanie Klug. Die Auswertung zeigt einen langfristigen Anstieg der Inzidenz zwischen 2012 und 2021. Ein eindeutiger Effekt der COVID-19-Pandemie ließ sich indes nicht nachweisen. Die Studie „Increasing incidence of type 1 diabetes in children and adolescents from 2012 to 2021 in Germany: trends before and during the COVID-19 pandemic“ wurde nun im European Journal of Epidemiology veröffentlicht. Die Fachzeitschrift weist einen Impact-Faktor von 6,6 auf.
Grundlage der Studie sind anonymisierte Routinedaten der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB). Erfasst wurden alle gesetzlich versicherten Kinder und Jugendlichen bis zum Alter von 19 Jahren. Insgesamt flossen mehr als 5.700 Neuerkrankungen in die Auswertung ein. Neben den wissenschaftlichen Ergebnissen hebt das Forschungsteam insbesondere den Wert dieser verwendeten Daten hervor. „Nur wenige Forschungseinrichtungen können auf eine Datengrundlage zugreifen, die nahezu die gesamte gesetzlich versicherte Bevölkerung Bayerns umfasst“, erklärt Prof. Klug. „Obwohl diese Routinedaten ursprünglich nicht für Forschungszwecke erhoben werden, ermöglichen sie uns, verschiedenste Entwicklungen über viele Jahre hinweg zuverlässig nachzuvollziehen und damit auch, wertvolle Evidenzen für gesundheitspolitische Entscheidungen zu liefern.“
„In Bayern gibt es bislang kein ‚Diabetes-Register‘. Deshalb ist die langfristige Datenlage vergleichsweise schwach“, erklärt Dr. Gunther Schauberger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Epidemiologie. „Die KVB-Daten sind für uns besonders wertvoll, weil sie eine konsistente Datengrundlage über viele Jahre hinweg bieten. So lassen sich Entwicklungen erkennen, die mit einzelnen Erhebungen kaum beobachtet werden können. Bereits für die Planung klinischer Studien mit Kindern, die kürzlich an Typ-1-Diabetes erkrankt sind, ist es entscheidend zu wissen, wie viele Fälle pro Jahr auftreten. Unsere Arbeit schafft hierfür erstmals eine belastbare Datengrundlage.“
Über den gesamten Untersuchungszeitraum zeigte sich ein kontinuierlicher Anstieg der Typ-1-Diabetes-Neuerkrankungen. Dieser Trend war sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen zu beobachten, wobei Jungen insgesamt häufiger betroffen waren. Besonders deutlich fiel der Anstieg bei Jungen im Alter von null bis vier Jahren sowie bei Mädchen im Alter von 15 bis 19 Jahren aus. „Die Auswertungen unserer Studie zeigen, dass Typ-1-Diabetes weiterhin ein zunehmendes Gesundheitsproblem darstellt“, sagt auch Carolin Lehner, Erstautorin der Arbeit und Doktorandin am Lehrstuhl für Epidemiologie.
Neben der langfristigen Entwicklung untersuchte das Forschungsteam auch, ob sich die COVID-19-Pandemie auf die Zahl der Diagnosen ausgewirkt hat. Denkbar wäre beispielsweise gewesen, dass während der Lockdowns weniger Diagnosen gestellt wurden, weil Arztbesuche ausblieben oder sich die medizinische Versorgung veränderte. „Wir wollten wissen, ob es während der Pandemie Versorgungslücken gegeben hat und dadurch Diagnosen zunächst ausgeblieben oder später gestellt wurden“, erläutert Schauberger. „Einen solchen Versorgungsengpass sehen wir in unserer Datenlage jedoch nicht.“ Zwar zeigten einzelne Altersgruppen kurzfristige Veränderungen, insgesamt ließ sich jedoch kein deutlicher Bruch im langfristigen Trend feststellen.
Die Studie liefert zwar keine Erklärung dafür, warum Typ-1-Diabetes häufiger auftritt, verdeutlicht aus Sicht der Forschenden aber den Bedarf an weiterer Ursachenforschung. „Welche Faktoren hinter dem Anstieg der Neuerkrankungen stehen, ist Gegenstand intensiver Forschung“, so Schauberger. „Unsere Ergebnisse verdeutlichen, wie wichtig es ist, die Ursachen und zugrundeliegenden Mechanismen weiter zu untersuchen und damit das Verständnis für die Entwicklung von Typ-1-Diabetes zu vertiefen.“
Zur Homepage des Lehrstuhls für Epidemiologie
Zur Studie: „Increasing incidence of type 1 diabetes in children and adolescents from 2012 to 2021 in Germany: trends before and during the COVID-19 pandemic“
Kontakt
Prof. Dr. Stefanie Klug
Lehrstuhl für Epidemiologie
Am Olympiacampus 11
80809 München
Tel.: 089 289 24950
E-Mail: sekretariat.klug.epidemiologie(at)mh.tum.de
Dr. Gunther Schauberger
Lehrstuhl für Epidemiologie
Am Olympiacampus 11
80809 München
Tel.: 089 289 24955
E-Mail: gunther.schauberger(at)tum.de
Text: Bastian Daneyko
Fotos: Privat