Wie fühlt es sich an, als FC Bayern-Reporterin live im Stadion zu stehen? Wie wird man eigentlich Sportjournalist*in – und welche Herausforderungen bringt es mit sich, die einzige Frau in einer Redaktion zu sein?
Antworten auf diese Fragen gab Dr. Hanna Raif, promovierte Sportredakteurin beim Münchner Merkur/tz, am 19. November 2025 in einem Gastvortrag am Arbeitsbereich Medien und Kommunikation. In einer Gesprächsrunde mit Prof. Dr. Michael Schaffrath und 40 Studierenden des Moduls „Sportkommunikation und Sportsponsoring“ berichtete Raif über ihre Erfahrungen im Sportjournalismus. Sie sprach über die Faszination ihres Berufs, den Arbeitsalltag als Sportredakteurin sowie ihre persönlichen Erlebnisse in einer männerdominierten Branche. Die Studierenden nutzten die Gelegenheit, zahlreiche Fragen zu stellen, die Raif offen und ausführlich beantwortete.
Zu Beginn schilderte Raif ihren eigenen Werdegang. Nach einem Diplomstudium der Sportwissenschaft mit Schwerpunkt „Sport, Medien und Kommunikation“ an der Technischen Universität München promovierte sie zum Thema „Qualität im Sportjournalismus“. Neben der akademischen Ausbildung betonte sie die Bedeutung von Praktika und freier journalistischer Arbeit: „Während des Studiums habe ich immer wieder in verschiedenen Redaktionen mitgearbeitet und so viel über das journalistische Handwerk gelernt.“ Über Stationen bei der Nachrichtenagentur dapd und in der Erlebniswelt des FC Bayern München fand sie 2013 ihren Weg in die Sportredaktion des Münchner Merkur, wo sie seitdem vor allem über den FC Bayern, aber auch über Sportarten wie Turnen, Skeleton, Bob und Rodeln berichtet.
Auf die Frage, ob Sportjournalistinnen und -journalisten heutzutage zwingend Fußballerfahrung benötigen, antwortete Raif differenziert: „Natürlich ist Fußball in Deutschland das große Medienthema. Aber guter Sportjournalismus hängt meiner Meinung nach nicht davon ab, ob man selbst gespielt hat.“ Von den sechs Sportseiten im Münchner Merkur seien zwar drei für Fußball reserviert, „aber auf den anderen drei zeigen wir ganz bewusst die Vielfalt des Sports außerhalb des Fußballs“. Expertise wachse mit der Zeit: „Ich komme aus dem Turnen – und trotzdem verantworte ich beim Münchner Merkur mittlerweile seit Jahren die Inhalte rund um den FC Bayern.“
Besonders faszinierend an ihrem Beruf sei für sie die Möglichkeit, sportliche Geschichten zu erzählen, Menschen kennenzulernen und die eigene Leidenschaft für den Sport auszuleben. Viele Einsteiger starteten zunächst in Randsportarten, doch gerade dort erlebe man oft die emotionalsten Momente. Als Beispiel berichtete sie von der Bob-Weltmeisterschaft 2017 am Königssee, wo Johannes Lochner und Francesco Friedrich zeitgleich Gold gewannen: „Ein Moment, den ich ohne meinen Beruf nie so intensiv erlebt hätte.“
Gleichzeitig beschrieb Raif den Berufsalltag im Sportjournalismus als fordernd – gerade im Fußballgeschäft: „Der Spielbericht muss praktisch schon bis zur 80. Spielminute stehen. Nach Abpfiff geht es direkt in die Mixed Zone für Interviews und zur Pressekonferenz.“ Da könne es schonmal vorkommen, dass die Arbeit bei Abendspielen bis spät in die Nacht reiche. Gerade zu Beginn bereitete sie sich auf Spiele sehr gründlich vor und plante für jeden möglichen Ausgang – Sieg, Unentschieden oder Niederlage – verschiedene Einstiege. Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei herausfordernd: „Man arbeitet oft dann, wenn andere frei haben, und hat frei, wenn andere arbeiten. Gerade mit Kindern ist das nicht immer einfach.“
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs war Raifs Perspektive als Frau in einer männerdominierten Branche. Schon zu Beginn ihrer Laufbahn war sie häufig die einzige Frau in der Redaktion. Mittlerweile habe sie sich an diese Situation gewöhnt und gelernt, selbstbewusst damit umzugehen. Zum Thema MeToo erklärte die Sportjournalistin: „Vieles bewegt sich in einer Grauzone und hängt davon ab, wie man persönlich empfindet. In den vergangenen 15 Jahren habe ich zum Glück keine klaren Grenzüberschreitungen erlebt. Und wenn mal ein blöder Spruch kam, kam von mir auch einer zurück.“
Text und Fotos: Finn Lenzen